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Neujahrsansprache des Bundespräsidenten
Liebe Kinder, meine sehr verehrten Damen und und Herren, liebe Haustiere, wie Sie sicher alle längst geahnt haben, ist das Konzept „Deutschland“ endgültig gescheitert. Deshalb schlage ich für das Jahr 2012 einen kompletten Neuanfang vor: wir ziehen uns alle nackig aus und werfen unsere Ausweise weg, denn die brauchen wir ab jetzt nicht mehr. Ab sofort heißt Deutschland nämlich nicht mehr … hab's schon vergessen, sondern Suppenström. Für andere Vorschläge bleiben wir zwar weiterhin offen, aber wir finden nun mal, dass Suppenström perfekt an ein aus drei Gehöften bestehendes Dorf erinnert, in dem rotwangige Buben und Mädchen in winterfester Kleidung vom verschneiten Dach herunterrodeln, ohne sich wehzutun, weil der Schnee bis zum Dach hinaufreicht und entsprechend auch -hinunter. Alles ist weiß. Man sieht die Häuser gar nicht mehr richtig. Nur oben kommt noch Rauch aus einem Schornstein, weil die Mutter in der Küche einen leckeren Eintopf aus glücklichen Schweinchen und lustigen Möhrchen kocht. Lasst uns von nun an ein in zehn Millionen Gehöften wohnendes Volk aus achtzig Millionen rotwangigen Kindern in winterfester Kleidung sein, damit wir endlich wieder lernen, unsere Umwelt und vor allem uns selber zu empfinden. Wir brauchen keine Autobahnen, Züge und Flughäfen, diese ganze Infrastruktur (nee, so schwierige Wörter werden ab jetzt verboten …), diese ganzen Sachen also – alles was wir brauchen, sind buntbemalte Holzschlitten, auf denen wir kreuz und quer durch Suppenström rodeln, um einander selbstgebackene Kekse und Häkelpuppen vorbeizubringen. Dieses ganze blöde Wirtschafts- und Gelddings war ein völliger Irrweg – wer das noch immer nicht gemerkt hat, muss eine Viertelstunde in der Ecke von unserem Land stehen, also in Vorpommern oder so, und sich schämen, bevor er wieder mitspielen darf. Das ist aber nicht schlimm, niemand muss beleidigt sein und putschen: es bleibt noch genügend Zeit zum Spielen, denn in Suppenström wird ab jetzt sowieso nur noch gespielt, Schneemannbauen, Topfschlagen, Ringelrei – und immer müssen alle achtzig Millionen mitmachen, was für ein riesiger Schneemann, was für ein lustiger Ringelrei, hach, wie ich mich jetzt schon darauf freue!
Falschmeldung
„Texas: Weihnachtsmann erschießt Verwandte“ titelt die SZ vom 27.12.. Es ist nur ein kleiner Artikel auf der üblichen „Bunten Seite mit dem Klatsch aus Königs- und Schauspielerhäusern sowie skurrilen Todesfällen“ – hier der Kürze halber „Panorama“ genannt. In anderen Blättern nennt sich die Rubrik „Aus aller Welt“, „Vermischtes“ oder „Die Wahrheit“, doch es ist stets die gleiche. Die Meldung ist kurz. Vielleicht wäre sie länger, wenn es der Osterhase gewesen wäre, schon allein wegen des Kunststücks, in jeder seiner für diesen Behuf äußerst unpraktischen Hasenpfoten je eine schwere Wumme zu halten, noch dazu bei seiner geringen Körpergröße, und damit erst sechs Verwandte und anschließend sich selbst zu töten. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es sich um einen texanischen Osterhasen handeln würde, eine sensationelle artistische Leistung: Davon kann jeder, der mal in irgendeiner Form versucht hat, Tiere zu dressieren, ein Lied singen. Der Chefredakteur der „Panorama“-Seite wäre jedenfalls gar nicht darum herumgekommen, die Ausgabe anders zu gewichten, die stattdessen überproportional von einem mit gerade mal 108 Jahren überraschend und viel zu früh verstorbenen Hitler-Liebling geprägt ist, um den anscheinend das ganze Land trauert – bei Rudolf Hess’ Ableben gab es deutlich weniger Theater, aber der soll auch längst nicht so schön gesungen haben, sondern nur ganz schlimm gekrächzt.
Geschenkestress (Teil Zwei)
Bevor Q. gestern wegfuhr, um angeblich „den Weihnachtsmann zu besuchen“ und ihm „bei der Gelegenheit mal so richtig den Arsch zu versohlen“, führte sie mich noch in einen bis zur Decke mit hübsch verpackten Geschenken gefüllten Raum - das „Geschenkezimmer“, wie sie sagte, welches mir in der weitläufigen Wohnung bis dato gar nicht aufgefallen war: „Alles für dich. Aber nicht vor Weihnachten auspacken!“ Das war jetzt allerdings blöd. Sie übergab mir hier mal eben schätzungsweise dreitausend Geschenke, von denen einige sehr gut rochen (Plätzchen? Würste? Ausgehfertige Damen?), sich bewegten (Tiere? Hefeteige?) oder komische Geräusche machten (Clowns? Fernseher?). Ich hingegen hatte mir nicht einen Gedanken darüber gemacht, ob ich ihr umgekehrt vielleicht auch was schenken würde. Nur wann hätte ich mich darum kümmern sollen? Schließlich bin ich stets komplett damit ausgelastet, meine umfangreichen Mahlzeiten zu vertilgen und im Internet nach dem Rechten zu sehen. Was sollte ich jetzt bloß machen? Sicher lag bei mir zuhause noch das eine oder andere Blatt Papier, aus dem sich mit ein wenig Mühe und Phantasie gewiss ein Schiffchen oder Flieger basteln ließe. Doch zum Einen meine ich, dass die Wörter „Mühe“ und „Phantasie“ für die Bereiche Ackerbau respektive Nervenheilkunde reserviert bleiben sollten, und zum Anderen würde das dem Luxusbienchen ohnehin nicht reichen – den braven Gaul Genügsamkeit muss sie bereits vor vielen Jahren tief in sich erschossen haben. Allzumal angesichts meiner viertausend Geschenke, aus denen in der Zwischenzeit zum Teil Geklingel (Fahrräder? Kirchen?), Gebrumm (Lastkraftwagen? Bären?) und Gesundheit (Gemüse? Schmerztabletten?) drangen.
Ersehnte Gaben lieber Menschen
Weihnachten, das Fest der Liebe. Scheiße ja, das ist mir schon klar, aber muss Liebe denn immer gleich dermaßen in Stress ausarten? Im klassischen Fall Telefonterror, Hirnerweichung, Schwangerschaft - und hier eben: Schenkst du mir, schenk ich dir, Scheiße in Geschenkpapier. Woraus sich nun mal gegenseitige Verpflichtungen ergeben. Dementsprechend hatte ich inständig gehofft, dass mir meine Schwester in diesem Jahr nichts schicken würde. Weil dann muss ich das umgekehrt auch nicht. Das gute alte Weihnachtsmikado: Schön warten, ob da was kommt, und wer zuerst was schickt, hat verloren. Nur leider kennt das Weihnachtsmikado ausschließlich Verlierer. Denn am Ende muss der Empfänger selber eilig irgendeinen Kram zurückschenken. Das ist dann sogar der doppelte Stress, weil man weniger Zeit hat, zu reagieren.. Vor drei Tagen kommt jedenfalls das Scheißpaket an. Absender: Schwester, diese sentimentale Paranuss. Ich so: „Oh Mann, was eine Scheiße“, und hocke erstmal wie paralysiert eine halbe Stunde im Flur auf dem Boden und starre vor mich hin, der personifizierte Tod in kleinen Scheiben. Dem Briefträger gegenüber habe ich immerhin noch einigermaßen den Schein gewahrt und sogar gegrinst, also wahrscheinlich ziemlich verzerrt gegrinst, eher so wie eine junge Mutter, nachdem sie feststellt, dass sie im Meskalinrausch versehentlich ihr Neugeborenes ausgeweidet hat, aber gegrinst ist gegrinst, finde ich. Dazu noch irgendwas mechanisch gebellt, „Danke“ oder „Mein lieber gelber Freund“ oder so, und anschließend die Tür zugeknallt. Doch jetzt kommen die Tränen. Onkel-Dagobert-mäßig sprühen, springen und sprenkeln sie nach allen Seiten. Die Niagarafälle sind ein prostatageschädigter Mann um vier Uhr morgens dagegen.
Neulich in der Schweiz
Sobald der Zug die Grenze zur Schweiz überquert hat, rasen schneebedeckte Achttausender wie eine einzige Wand aus Granit und Gemsen auf uns zu und verschlucken uns mit ihren langen Tunneln. An den Tunnelinnenwänden prangen von Scheinwerfern angestrahlte Riesenplakate mit Heidi, der Schweizer Nationalheiligen, die auch tatsächlich sehr gut aussieht. Mal schiebt sie sich kokett ein großes Stück Käse in den feuerroten Mund (daher auch das berühmte Kocette, ein Schweizer Nationalgericht aus ins Feuer gefallenem Käse), mal sitzt sie neben dem Geißenpeter auf dem Beifahrersitz eines allradbetriebenen Geländewagens und mal räkelt sie sich bäuchlings nackt auf einer Bergblumenwiese. So etwas Schönes habe ich lange nicht gesehen. Der Tunnel ist zu Ende: Im Wagen wird es wieder hell, gerade noch rechtzeitig gelingt es mir, die Hand aus der Hose zu ziehen. Fahrkartenkontrolle. Nur wenige Minuten später hält der Zug direkt vor dem Anwesen meiner Gastgeber, die dort eine kleine, aber feine und sehr saubere Lesebühne betreiben. In der Schweiz ist alles bestens organisiert. „Holiduhööö, sch's Ueli!“ begrüßen mich Urs und Pflümli, meine Gastgeber, am Eingang ihres in einem Stück aus einem gigantischen Käse geschnitzten Häuslis. „Danke, du mich auch“, antworte ich mit dem Deutschen Gruß, damit wir uns gleich richtig verstehen.
Der Tag After
Am Morgen nach der Party muss ich zum Bahnhof, zu einer Uhrzeit, an der ein Diktator bei Strafe verbieten sollte, das Haus zu verlassen. Zumindest ein anständiger Diktator, dem am Wohlergehen seines auf eher augenzwinkernde Weise unterdrückten Volkes gelegen ist. Solche „Dikkies“, wie ich sie hier mal in flapsiger und durchaus zugetaner Vertrautheit nennen möchte, gibt es garantiert - aus verschiedstenen Gründen: Sei es, dass ein Volk einfach noch nicht reif ist für die Demokratie, und daher noch ein Weilchen im schützenden Leib des Totalitarismus brüten muss, bis – tataa: Kaiserschnitt! -, oder sei es, dass man ein Volk mit sanfter Strenge vor sich selber schützt, weil es andernfalls irgendeine selbstzerstörerische Riesendummheit begehen würde, zum Beispiel falsch zu wählen, wie ein verliebter Clown dummromantischen Freiehitsidealen nachzuhängen, oder eben allzu früh aufzustehen. Draußen ist es irgendwas zwischen dunkel und hell - so genau vermag ich das nicht zu erkennen, da es mir nicht wirklich gelingt, die Augen weiter als um Haaresbreite zu öffnen. Wie eine Fledermaus stoße ich deshalb unentwegt hochfrequentige Schreie aus, um mich auf dem Weg zur U-Bahn anhand der zurückprallenden Schallwellen zu orientieren. In der Bahn taste ich suchend nach anderen Fahrgästen mit Reisegepäck. Sobald ich einen gefunden habe,halte ich mich, ungeachtet diverser Umsteigeaktivitäten, Fluchtversuche sowie bösen Gebrumms, solange an seinem Ärmel fest, bis ich am Hintergrundlärm erkenne, dass wir den Ostbahnhof erreicht haben.
Sechsundfünfzig
Ein bisschen unwohl wird es mir mit der Zeit schon, denn ich ich habe fast das Gefühl, der Mann verfolgt mich. Trotz meines strammen Schrittes hält er mühelos den unangenehm knappen Abstand. Wenn ich das Tempo verringere, wird auch er langsamer, bleibe ich stehen, verharrt er ebenfalls. Das einzige, was ich noch versuchen könnte, wäre umzudrehen und in die Gegenrichtung zu marschieren, aber da muss ich nicht lang. Gut, könnte man jetzt einwenden, das ist alles noch lange kein Grund zur Panik, denn immerhin bin ich keine junge Novizin, blind, auf Krücken und im Minirock (ein etwas seltsamer Orden, ich weiß, bestimmt irgendwas zu Ehren von Maria Magdalena, außerdem ist es furchtbar warm ...), die sich um zwei Uhr morgens in die menschenleere Sackgasse einer von islamistischen Rockern geprägten südafrikanischen Hafenstadt verirrt hat (ein Kollege meint, das wäre genau das, was er an mir zugleich am meisten bewundert und verabscheut: dass ich bei jedem Bild wie im Wahn immer noch einen draufsetzen muss, alles viel zu süß und viel zu schwer, und noch ein Sahnehäubchen drauf und darauf wiederum noch eine Zuckerkirsche - fehlt noch irgendwo ein ausschmückendes Adjektiv, darf es noch ein bisschen mehr sein? - kein Problem. Der puristische Kollege hätte für dieselbe Metapher einfach nur eine junge Frau nachts vor die Tür geschickt, bumms, fertig, aber das wäre erstens auf seine verallgemeinernde Art ein wenig sexistisch, denn vielleicht kann sie sich ja ganz prima wehren – Trickboxen, Yoga, Thai-Chi -, und zweitens: Wer kurze Sätze schreibt, schneidet auch Katzen die Schwänze ab und hat überhaupt große Angst vor der bunten Vielfalt des Lebens).
Quasi wie wiedergeboren
Es ist schon phantastisch, wie ausgeglichen, ruhig und zufrieden mich die Yogastunde im Anschluss immer macht. Körper und Seele sind wunderbar in Einklang geraten, alle Sinne geschärft für das Hier und Jetzt, das Innen und Außen, mich und die Welt um mich herum. Wohl nur deshalb fällt mir sofort beim Verlassen des Yoga-Tempels ein kleiner durch die Luft treibender weißer Fitzel auf: War das nicht soeben die erste Schneeflocke? Eine Schneeflocke! Die allererste Schneeflocke dieses Winters! Die Erkenntnis, mit welcher Verlässlichkeit Mutter Natur für ihre Kinder sorgt, macht mich fast wahnsinnig vor Glück. Ein schwerer Taumel erfasst mich und drückt mir einen kleinen Kloß aus ungeweinten Tränen in die Kehle, der sich dort nur langsam lösen möchte. Süße Melancholie – ich weiß, woher die Rührung stammt: Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich nämlich ein weißes Kätzchen (nur die linke Vordertatze war zur Hälfte schwarz), das auf den Namen Schneeflöckchen hörte. Schneeflöckchen und ich waren praktisch unzertrennlich. Am Tage tollten wir gemeinsam über die Wiesen, neckten die gutmütige Hummel oder kraulten die kleine Maus, schnupperten an duftenden Butterblumen, sangen gemeinsam Lieder am lustig glucksenden Bach und abends, wenn wir mit roten Wangen und müde vom Spiel nach Hause kamen, teilten wir uns das gute Brot, das die liebe Mutter sich für uns vom Munde abgespart. In der Nacht kuschelten wir uns im Bett ganz eng aneinander. „Gute Nacht, liebes Schneeflöckchen“, murmelte ich müde und immer maunzte Schneeflöckchen eine Antwort, die klang wie „Gute Nacht, kleiner Ulrich – ich wünsche dir, dass du fest und gut schläfst und die Sternlein deine Träume behüten …“
Einblicke in innerbetriebliche Abläufe
Ich glaube im Nachhinein, ich wollte mich mit etwas Besonderem belohnen - wofür genau, weiß ich schon gar nicht mehr. Vielleicht dafür, dass ich ausnahmsweise mal einen Text ganz ohne Nazivergleiche geschrieben habe, was weiß ich. Jedenfalls stehe ich bei Karstadt im Keller vor dem Imbisstresen. „Der Ulrich bekommt jetzt eine halbe Ente“, wispere ich feierlich. Ulrich nenne ich mich nämlich nicht nur dann, wenn ich ein Hühnchen mit mir zu rupfen habe, sondern auch, wenn ich ein Entchen von mir bekomme. Die Sonntagsanrede kann folglich sowohl extrem positiv als auch extrem negativ konnotiert sein, Hauptsache extrem. Noch andere sind vor mir dran, die Adventszeit ist ja immer voll mit Belohnenden, Belohnten und Belohnungen. Ich nutze die Wartezeit, um die Warmhaltevitrine mit den Beilagen abzuchecken. In Gedanken streiche ich schon mal diejenigen Substanzen aus der engeren Auswahl, die zwar in ihrer wesentlichen Konsistenz flüssig wirken, doch an der Oberfläche bereits festere Häute, Schichten und Strukturen gebildet haben. Die will ich nicht. Nur teilweise wird am Glas der Vitrine deren Inhalt ausgepreist, wie „Grünkohl“, „Bratkartoffeln“ oder „Mischgemüse“. Auf der anderen Seite steht dort „Kartoffelsalat“ angeschrieben, den ich beim besten Willen nicht entdecken kann. Egal, ich versuch’s einfach mal. „Ich hätte gern eine halbe Ente mit Kartoffelsalat“, sage ich zur Verkäuferin, einer bebrillten Matrone im weißen Kittel, die mich an eine energische Lazarettkrankenschwester erinnert. „Und alles zum Mitnehmen, bitte!“
Familie im Zug
Das Paar um die Vierzig macht eine Menge her für ein Alter, in dem sich ästhetisch so langsam die Spreu vom Weizen trennt: Er - graues Bärtchen, graues Jackett, grauer modischer Kurzhaarschnitt - spricht von Dreharbeiten. Sie trägt eine knallgrüne Strumpfhose zum kurzen Rock und redet von einem wichtigen Meeting, aus dem sie vorzeitig raus musste, wegen der Zugfahrt und der zwei kleinen Kinder. Mit denen sitzen sie an einem Vierertischchen im Großraumwagen, dazu viel Gepäck, Spielzeug, Aufmerksamkeit, gesundes Essen und gesunde Getränke. Ich sitze am Vierertisch daneben und trinke seit Berlin Ostbahnhof Bier. Sie sind am Hauptbahnhof zugestiegen, aha, denke ich: Prenzlauer Berg, aber eigentlich verspüre ich wenig Lust, das überstrapazierte Stereotyp noch weiter breitzutreten. Dann heißt es nur wieder: Der ist ja bloß frustriert und neidisch auf unser Leben, unser Geld, unsere Kinder, unseren Style, unser Vierertischchen, was weiß ich. Ich bin aber nicht neidisch, das habe ich auch gar nicht nötig: Ich hab ein eigenes Leben und ein eigenes Vierertischchen, wenn auch voller Fremder, die meinem Blick ausweichen und stattdessen mein Bier anstarren - wer möchte, kann das durchaus auch im übertragenen Sinn verstehen. (Nur manchmal in dunklen Nächten, wenn ich nicht schlafen kann, denke ich daran, wie es wäre, wenn ich jetzt im Spätherbst nachmittags zuhause an meinem After-Eight-dünnen Apple-PiePadPod über einer kackwichtigen Kampagne säße, im Kaminfeuer knisterten traulich überzählige Geldscheine geringen Nennwerts und unsere kleine Mara oder so käme mit roten Bäckchen aus dem Kindergarten nach Hause, stibitzte ihrer Mama (High Heels, trotzdem super in der Küche!) ein Dinkelplätzchen mit Oleanderhonig und aus dem Kühlschrank eine Broccolischorle (ohne Koffein!), und trällerte fröhlich ein paar Zeilen Schopenhauer, die sie in Frühphilosophie gelernt hätte, durch den Wintergarten unserer Dachgeschosswohnung in der Huse-mannstraße, anstatt schon vor Jahren einer von Geld- und Liebesmangel diktierten, überstürzten Abtreibung zum Opfer gefallen zu sein.) Auch kenne ich schlicht zu viele Leute, die in beliebten Innenstadtbezirken wohnen, arbeiten, Eltern sind, nicht in Pappschachteln leben und trotzdem noch andere Themen als ihre auf unaufgeregte Weise gut geratenen Kinder haben; Leute, die keine Menschen verachten, die nicht wie sie sind, und nicht versuchen, jedes Zeichen städtischen Lebens um sich herum auszumerzen, kurz: Die noch nicht komplett wahnsinnig geworden sind.
Twitter mir das Lied vom Tod
Ich tu jetzt endlich auch noch twittern. Seit neuestem. Die Modernisierungen meines Ichs nehmen kein Ende: Aus dem sämtliche Haut- und Ozonschichten verätzenden 8x4-Spray (Geruchsrichtung Klostein/Gummibär) wurde längst der neutrale Deo-Roller, aus der Schreibmaschine ein Computer und aus dem good old Besoffen-irgendwelchen-Schwachsinn-aus-dem-Fenster-Schreien ist nun eben Twitter geworden. „Twittern“ heißt „zwitschern“, und ich hab ja eigentlich schon immer gern mal einen gezwitschert. Sprüche von ziemlich genau diesem Niveau und dieser Länge sind es, die das Twittern ausmachen. Auf einmal muss ich mit hundertvierzig Zeichen auskommen, wo ich gewohnt bin, denselben Senf auf zwei DIN A4-Seiten breitzuwalzen, ein bisschen Beiwerk, ein bisschen Atmosphäre, ein bisschen Blabla und fertig ist die Laube. Freund Adjektiv hilft mir dabei, die Sätze in große Mengen Watte einzupacken, bis sie wunderbar warm und weich sind. Anstatt kurz, kalt und hart wie der Dolch aus SMS und Tweet, der der Sprache mitten ins Herz sticht. Das Adjektiv ist meine Lieblingswortart, knapp gefolgt vom Adverb. Und Nebensätze! Schön viele Nebensätze, die müssen unbedingt sein! Ich kann alles erklären, gerne mehrmals – warum die Schönheit und Erhabenheit der rhetorischen Redundanz von Vielen nicht gesehen wird, ist mir schleierhaft, ich meine sogar absolut und vollkommen schleierhaft. Adjektive, Adverbien und Parataxen sind für mich die Stützstrümpfe meiner Aussagen, und zugleich noch die Hosenträger, Gürtel, Strapse und Krücken. Damit aber auch jeder ganz genau versteht, was ich zu sagen habe. Puristen und Arschlöchern ist ein solcher Stil eher suspekt. Sie halten es da ganz mit Henry Fonda. In „Spiel mir das Lied vom Tod“ gibt es die Szene, in der der von Fonda gespielte Frank dem Wäschereibesitzer Wobbles mit den Worten, „Soll ich einem Mann trauen, der sich’n Gürtel umschnallt und außerdem Hosenträger hat? Einem Mann, der noch nicht mal seiner eigenen Hose vertraut?", beide Hosenträger durchschießt, die die unzuverlässige Hilfskraft zusätzlich zum Gürtel trägt. Dieser scheint, wie man nun sieht, das Beinkleid durchaus allein zu halten, aber natürlich überlebt der Hosenmann die kleine Lektion in Sachen Vertrauen nicht.
Novemberwespen
In diesem Jahr gab es erstaunlich lange Wespen, bis tief in den November hinein. Noch vor ein paar Tagen konnte ich immer mal wieder ein vereinzeltes Restexemplar dabei beobachten, wie es in der Mittagssonne gebrechlich über den Café-Tisch schlich, kroch und taperte, ausschließlich zu Fuß und das obendrein noch sehr schlecht, eine freudlose Endzeitatmosphäre absoluter Einsamkeit verströmend. Die meisten Mitwespen sind längst im Jenseits bei den versprochenen 72 Marmeladenbrötchen und sie selber pfeift auch schon sichtlich aus dem letzten Loch. Auf einmal ändert sich die noch vor zwei Monaten so aggressiv wirkende schwarzgelbe Warnzeichnung in der Wahrnehmung zum Behindertensignal, nur eben mit Streifen statt mit Punkten und anstatt einer Armbinde als Ganzkörpertrikot. Fast tut es weh, den vormals kreglen Fiesling hier als Schatten seiner selbst zu sehen, derart mitleiderregend, dass man das bis vor Kurzem so gefürchtete Insekt am Liebsten ganz vorsichtig an den Spitzen der durchsichtigen Flügel fassen und es über die vielbefahrene Straße in eine Bäckerei oder sonstwohin ins Warme hätte tragen wollen. Es verursacht in mir oft eine eigenartige Wehmut, das Böse dermaßen schwach zu sehen: Wie es plötzlich auf Maß gestutzt menschelt, seiner Macht und seiner Hybris beraubt, so dass die ganze Pose nur noch lächerlich ins Leere zielt wie bei einem winzigen Erdkundelehrer, der cholerisch in die feixenden Gesichter seiner präpotenten Schulklasse brüllt. Südafrika im Juni 2010 - Michael Ballack isoliert und verletzt im Kreis der ehemaligen Mannschaftskameraden; Berlin im April 1945 – der Führer eingefallen und brabbelnd im Bunker; Rom im November 2011 – Berlusconi packt den welken Stachel ein, schließt den Hosenstall und geht: Novemberwespen alle miteinander.
Gedanken über den Schlaf
Es wird wohl an der Jahreszeit liegen und der dazugehörigen Erbsensuppe aus Blei, die einem heute die Lider mit Gewalt zudrückt, und die einem Dinge egal sein lässt, die einem an anderen Tagen niemals gleich wären. Ich möchte ein Murmeltier sein, das sich tief in seinem dunklen Bau aus Daunendecken vergräbt und selig ratzt, bis im April die Schneeschmelze einsetzt – sicher und behaglich wie eine braune Terrorzelle im warmen Schoß des thüringischen Verfassungsschutzes. Jedenfalls wird der Schlaf auf einmal zum alles beherrschenden Thema. Schlaf ist schon ein merkwürdiger Zustand: Man lebt nicht richtig und ist auch nicht richtig tot. „Schlafes Bruder“ wird ja auch nicht umsonst der Tod genannt, in der Literatur, deren Hauptzweck bekanntermaßen darin liegt, simple Sachverhalte mithilfe überflüssiger Metaphern und Gedankenschnörkel zu verkomplizieren, um so mehrvorhandene Tiefe vorzutäuschen und mehr Seiten zu füllen als eine Staubsaugergebrauchsanleitung. Mit der kommt nämlich niemand in die Feuilletons. Apropos: Kürzlich las ich, ich schriebe „noch besser als Tommy Jaud“. Demnächst heißt es vielleicht auch, ich wäre ein „noch besserer Mensch als Adolf Hitler“ oder zeigte auf dem Fußballplatz „eine noch athletischere Präsenz als Stephen Hawking“. Manche Komplimente sind trojanische Pferde in Zäpfchenform, die man sich aber ganz tief in den Arsch reinschieben kann, damit sie ihre verheerende Tiefenwirkung voll und ganz entfalten.
Ein Satz ergibt meist den anderen
„Salz ist der Zucker der bösen Menschen!“ denke ich mir aus und reibe mir ob meines genialen Einfalls erfreut die Hände: „Was für ein kluger und wundervoller Satz!“ Ohne prahlen zu wollen, glaube ich, das ist eines der feinsten Einzelstücke, die mir je gelungen sind, seit ich als hauptberuflicher Satzmacher tätig bin. Kein leichter Job. Das Ausdenken macht ja noch einigermaßen Spaß, doch die Sätze zu verkaufen, ist ein mühsames Unterfangen. Dabei habe ich alles versucht: Mehrmals wandte ich mich in höflichen, jedoch nie anbiedernden Schreiben an die Bundesregierung, die ganz objektiv sicher mehr als gut damit beraten wäre, meine hochprofessionell und furios gearbeiteten Sätze in Regierungserklärungen oder Gesetzesentwürfen zu verwenden. Ich putzte die Klinken der Universitäten und Werbeagenturen, der Zeitungen und Rundfunkstationen. Dabei bot ich den Kunden auch an, meine Sätze nur zu leasen, so dass sie nach ein- oder mehrmaligem Gebrauch an mich zurückfallen würden. Später schickte ich in einer Art Werbeaktion Probesätze an alle Haushalte des Landes, natürlich nicht die besten, sondern eher mittelklassige Ware wie „Das Portemonnaie eines reichen Mannes ist wie der Beutel eines satten Kängurus“ oder sogar leicht fehlerhafte, doch eben gerade aus diesem etwas brüchigen Charme heraus reizvolle und besondere Sätze wie „Unter den Hochsitz des blinden Jägers sammeln sich die Tiere im Spott“. Eine aufwändige Sache bei schätzungsweise dreißig Millionen Adressen. Um die Kosten zu minimieren, verzichtete ich auf Porto und Umschläge, und warf die Sätze blanko in den Briefkasten gegenüber. Die Zahl der Rückmeldungen (Null) ließ dann leider zu wünschen übrig.
„Schillernde Kiez-Größe“
Der Inhaber der „legendären“ Kneipe „Zur Ritze“ auf St. Pauli hat vorigen Freitag den Bierlöffel abgegeben. „Na und?“ könnte man sagen und achselzuckend zur wichtigeren Tagesordnung übergehen, wäre nicht im Tagesspiegel ein rührender Nachruf auf den großen alten Mann der Reeperbahn erschienen, eine halbe Seite lang: Unter dem Titel „St. Pauli trauert“ heißt es unter anderem: „Um Reichtum ging es ihm nach eigenen Worten nie. Obwohl man mit Boxen, Gastronomie, Frauen und ‚Zimmervermietungen’ durchaus reich werden konnte, wenn man sein Geld etwas beisammenhielt und sich vor Schulden hütete. Aber das fällt bekanntermaßen nicht nur Zuhältern schwer.“ Ein Zuhälter. Erpressung, Drohung, Ausbeutung, wie romantisch – sind ja eh bloß Nutten. Natürlich kann man über das Milieu schreiben, aber muss das in dieser kritiklos verklärenden Form passieren, als „Prominenten“-Nachruf? Nun könnte man ja einfach denken, „hei, das ist ja ein strammer Max, der sich seit eh und je in der Welt der Söldner, Gladiatoren und Frauenhändler bewegt – ein viriler Insider, der sieht hier noch das Menschliche beziehungsweise übersieht das Unmenschliche“, doch so viel ungesunde Härte traue ich den Bürgerjournalisten gar nicht zu. Ohne ihnen pauschal zu nahe treten zu wollen, dürfte so eine „mit Fünfzehn von zu Hause weg, dann drei Jahre auf See, Fremdenlegion, Philosophiestudium, Bohrinsel, Zeitungen austragen, voll auf Trip ohne Sauerstoff und Schuhe im Schlauchboot über den Himalaya, Schießereien in Manila und Ciudad Juarez, Krankenhaus, Gefängnis, Flucht über einen mit einem Teelöffel aus eigenen Knochen gegrabenen Tunnel, anschließend Rockmusiker, Brandungssurfer, Reiseschriftsteller, Steilwandfahrer und Kunstficker – er hat sie alle gehabt, einschließlich ihrer Krankheiten! -, zwischendurch schnell ein Milliardenvermögen als Investmentbanker in Tschetschenien geschossen, nur um sich zu beweisen, dass er es kann, wie alles andere auch, das Geld komplett hergeschenkt an Waisenkinder und Kampfhundwelpen, nur um endlich wieder so richtig frei zu sein, und dann erst die absolut krasse Herausforderung: als Reporter zum Tagesspiegel, Schwerpunkt ‚bunte Seite’“–Post-Hemingway-Vita doch eher die Ausnahme sein.
Uli - Allein zu Haus
Schön. Die Frau ist weg. Weit weg. Schön weit weg. Endlich habe ich mal so richtig Zeit für mich. Ich sortiere meine Buntstifte, erst nach Größe, dann nach Farbe, am Ende schmeiße ich sie wieder alle durcheinander, wohl weil mir nicht zuletzt die extreme Verlogenheit jener Übersprungshandlung bewusst wird: Ich besitze gar keine Buntstifte. Sie fährt nach China, hat sie gesagt. Das Irre und Unglaubwürdige dieser Aussage fällt mir jetzt erst auf, da sie schon über eine Woche fort ist. „Nach China“: Wer glaubt denn so was? Das fällt doch exakt in dieselbe Kategorie wie das altbekannte „… Und ich bin der Kaiser von China …“, mit dem einem Gesprächspartner seit jeher Unglauben und Verachtung signalisiert wird, vom berühmten Sack Reis erst gar nicht zu reden. Entsprechend erinnert die Totschlagfloskel „Ich fahr denn ma nach China“ an das noch bekanntere, sinnverwandte „Ich geh ma eben Zigarettenholen“, in dem sich der schlampige Zynismus des Scheidenden ausdrückt, mit dem er dem Zurückgebliebenen demonstriert, dass der ihm noch nicht einmal eine glaubwürdige Ausrede mehr wert ist. Scheiße, und ich merke das erst jetzt! Sie ist weg. Und ich bin allein.
Ganz unten
Zurück bei mir zu Hause. Ernüchtert, traurig, schockiert. Eigentlich wollte ich ja einen der voraussichtlich letzten milden Sonnennachmittage des Jahres auf der Parkwiese genießen. Doch auf einmal war alles voller Marienkäfer. Anfangs lächelte ich noch blödselig wie eine hormonell bekiffte Jungmutti, sah die Gefahr nicht, war mir der Menge der Feinde nicht bewusst, ja, nicht einmal ihrer Feindschaft. Auf einmal aber schwirrten sie zu Hunderten um mich herum und piesackten mich. Sie schlüpften mir unters Hemd, ins Haar und in die Ohren. Sie hängten sich von innen und außen an die Gläser meiner Sonnenbrille und versuchten auf diese Weise mehr und mehr von meiner Kleidung, meinem Körper und in letzter Konsequenz wohl auch von meiner Seele Besitz zu ergreifen. Mein Lächeln erstarb. Sie waren klein, doch sie waren viele. Ich war groß, doch ich war wenige. Genau genommen allein. Wohl selten in meinem ganzen Leben hatte ich mich derart allein gefühlt. Die Menschen um mich herum konnten mir nicht helfen, denn ihnen erging es ähnlich. Man sah es ihnen zwar noch nicht direkt an, aber auch sie kämpften um ihr Leben. Den größten Schmerz verursachte das Gefühl der absoluten Erniedrigung: Ich, ein bis dahin vollwertiges Member der Krone der Schöpfung, dessen Artgenossen wie selbstverständlich auf der Toilette sitzend mithilfe ausgetüftelter Applications ihren Stuhl bestimmen, ließ mich von winzigen roten Käfern mit schwarzen Punkten in die Flucht schlagen. Von Käferchen dazu, die gemeinhin als äußerst harmlose Glücksboten gelten. Über Jahrmillionen hinweg hatten sie uns offenbar geschickt getäuscht und eingelullt, um hier und heute umso erbarmungsloser zuzuschlagen. Von nun an dürfte es ein alltäglicher Anblick werden: Ein menschlicher Kadaver im Gebüsch, in dessen leeren Augenhöhlen es bunt von zahllosen Marienkäfern schillert. Wer das noch „niedliche Glücksbringer“ nennt, schwärmt gewiss auch von der Ästhetik von Atomkraftwerken.
Respect, Brother Tourist!
Ich bin auf dem Weg zum Zahnarzt. An der Friedrichstraße, Kreuzung Unter den Linden, schaltet die Ampel auf Grün. Ich will gerade losfahren, als mich ein, mit sechs zueinander gewandt sitzenden und wie am Spieß schreienden Spaniern besetztes, Spaßrad von links kommend haarscharf schneidet und sich anschließend direkt vor mich setzt, um mir die Weiterfahrt zu blockieren. Halloo? Hier wohnen auch noch Leute! Kann man sich da vielleicht ein wenig pietätvoller durch die Stadt bewegen? Das ist Deutschländ und nicht Dissniländ! Also ein ganz normales Land, in dem ganz normal gewohnt, gelebt, gearbeitet, regiert, zum Zahnarzt gemusst, geboren und nicht zuletzt gestorben wird. Hier amüsiert man sich nicht einfach! Das entweiht das tägliche Leben der Bevölkerung und degradiert sie zu Statisten einer affigen Orgie. Oder, um die Dimensionen einmal zu benennen: An Rockkonzerte in Kirchen hat man sich zwar gewöhnt, aber auf die Idee, den Petersdom in ein Discountbordell mit Tequila-Flatrate umzuwidmen, käme trotzdem keiner. Seit der Hostel- und Billigfliegerschwemme habe ich das Gefühl, diese Stadt und dieses Land werden als solche kaum mehr wahr-, geschweige denn ernstgenommen: Berlin ist bloß noch eine Rummelplatzkulisse für Bierfahrräder und Pub Crawls, eine rund um die Uhr vermietete riesige Party-Location, bei der man vergessen hat, den Vormietern die Kündigung zu schicken, und die jetzt verwirrt und eingeschüchtert durch die Räume huschen, nichts verstehend und nichts mehr wiedererkennend.
Impressionen einer Zugfahrt
„I just called, to say I love you“, belle ich ins Telefon, doch mein hektischer und genervter Tonfall straft meine Worte Lügen. „Quatsch natürlich - du musst mir helfen!“ Ich stehe auf dem Bahnsteig, München Hbf, der Zug fährt gleich ab, und ich habe meinen Laptop in der U-Bahn zum Bahnhof vergessen. Vermutlich. Jedenfalls ist er nicht da, obwohl er da sein müsste. Nur mein Rucksack ist noch auf dem Rücken und mein Kopf auf dem Hals. Glaube ich. Kleine Preisfrage am Rande: In welchem der beiden Gefäße ist nichts drin? Stets rufe ich in solchen Notfällen als erstes meine Freundin an. Sie muss mir helfen, dafür ist sie da. Wir voriges Jahr in Manchester, als ich meine Brieftasche mit Geld und sämtlichen Papieren verloren hatte, und sie mitten in der Nacht meine Karten sperren durfte. An ihrer Stelle hätte ich mich längst nach einem freundlichen Mann mit Hirn umgesehen, der Ordnung hält und sein Leben im Griff hat. „Ruf bei der U-Bahn an, der Polizei, im Fundbüro!“ Ich merke, dass mein Hals beim Sprechen kratzt. Kein Wunder, denn auch den Schal habe ich bereits am Tag meiner Ankunft hier irgendwo liegen gelassen. Die Halsbonbons sind entweder zu Hause oder unterwegs abhanden gekommen. Dieses Jahr habe ich übrigens bereits eine teure Digitalkamera und sukzessive jede Menge Bargeld eingebüßt. Auf Schritt und Tritt sozusagen. Fremden könnte ich im Grunde nur den Rat geben: Folgt einfach meinem Weg – ihr werdet es nicht bereuen! Mein Gehirn gleicht zunehmend einem wertlosen Brei, dem es komplett am Salz der Konzentration und der Würze der Erinnerung mangelt.
Im Winde gescheit
Wie konische Tätowierungen in einen zartblauen Himmel gestochen, der Vermutung hieß, aber Verheißung genannt werden wollte, standen die satten Hügel der Wattau. Die Landschaft, die Menschen, das Vieh, die Häuser: Eins. Aber auch zwei und drei und vier. Viele. In der zerfallenden Scheune, die wie ein lungenkranker Bär in den Schatten geduckt am Fuße des Wanstkogels lag, hingegen zwei. Zweimal eins. Eine. Damals. Im Schnee. Der Vater. Im Vater der Schnee. Spiralen konzentrisch ineinanderfließender Irrlichtblicke wie Leuchtdioden eines kranken Tierchens. Oszillierend dahin dorthin. Stille dann. Dachte. Byrgit. Und dachte nicht. Über Frieder und ihr damoklesisch der Balken. Das wuchtiggroße Querholz des Dachstuhls, das der Vater vor Jahren einst mit großer Kunstfertigkeit aus einer gewaltigen Roterle, die er an einem diesigen Februarmorgen unten am Wanninger gefällt, in einem Stück herausgeholt,- gesägt, -geschnitzt, -gebrochen hatte, in langen Stunden glattgehobelt mit der schweren, alten Schmiedhuberfräse aus Plautzener Stahl, ein uraltes Ungetüm, aber es funktionierte, wie der Vater. Wertarbeit. Sie, die Mutter, die Geschwister, sie alle hatten des Alten harte Hand gefürchtet, doch mehr noch die weiche. Wehe, wenn sie weich wurde. Zerbrochenes Zartbitter. In der Ferne zagte, wie bestätigend, in diesem Moment der klagende Ruf des Grobgefleckten Schmalfußkauzes. Zufall? Zufall. Und doch nicht.

