Die große Lesung
Vor der großen Lesung hatte ich große Angst. Heulend und zähneklappernd tigerte ich durch die Katakomben des Kellers, in den man mich gesteckt hatte, um mich an der Flucht zu hindern, denn viele Leute hatten bereits bezahlt. Vor Furcht machte ich ein kleines Häufchen und trank ein halbes Bier. Mein Herz schlug wild und unkontrolliert wie ein Kirmesboxer. Würde ich an der anstehenden Aufgabe zerbrechen? Zwei Schergen in dunklen Mänteln holten mich ab und schoben mich auf die Bühne. Ich war allein. Und doch nicht ganz allein, denn auf mich wartete das Auditorium: Sofort spürte ich, dass es sich nichts sehnlicher wünschten als meinen schnellen Tod. Wohl an die tausend Fratzen starrten mich hasserfüllt an und formten mit ihren Mündern lautlos das Wort „Schweinemann“. Zum Glück konnte ich das alles nicht sehen, weil kein Zuschauerlicht eingeschaltet war. Für Jemanden ohne meine sensiblen Antennen hätte also alles gewirkt wie ein ganz normales, gespannt auf die Veranstaltung wartendes, Publikum. Doch ich wusste es freilich besser.
Scheu quetschte ich mich auf den Stuhl hinter meinem Lesetisch. Ich wusste genau, dass, um mich zu demütigen, die Leselampe exakt auf diejenige Höhe eingestellt war, die es einem möglichst großen Teil des Publikums aus seiner Sicht erscheinen ließ, als trüge ich ein lächerliches Blechhütchen auf dem Kopf. Doch natürlich wagte ich nicht, etwas dagegen zu sagen. Das hätte alles nur schlimmer gemacht. Dann hätten sie mich nämlich obendrein noch nass gespritzt und mir die Brille weggenommen.
„Bitte tut mir nichts“, hub ich mit zitternder Stimme an. Draußen zuckten Blitze, irgendwo bellte kein Hund. Ich hatte mir ein paar wohlgesetzte Eröffnungsworte vorbereitet, in der Aufregung jedoch sofort alles vergessen. Also fing ich einfach an zu lesen.
Sofort machte es „Hihi Haha“. Dann von einer anderen Stelle „Haha Hihi“. Schließlich von mehreren Seiten gleichzeitig: „Hihi Haha Hihi“.
Normalerweise hätte mich das nun nur noch weiter verunsichern müssen. Denn ich las gerade einen Text, der voller Klugheit war, anrührend und schön: Ein einsamer Fahrscheinverkäufer (für eine Verfilmung stellte ich mir Elmar Wepper vor) findet auf der Suche nach seiner verstorbenen Frau in einer Schneewehe einen betrunkenen Halbaffen, zieht ihn zu Hause mit der Flasche auf und bringt ihm das Legen von Patiencen bei. Auf der Fahrt zu den Weltmeisterschaften in Aix-en-Patience verunglücken sie tödlich, kommen aber in den Himmel.
Die Geschichte hatte also alles, nur eines nicht: Sie war nicht lustig, aber auch nicht im allergeringsten Maße. Nicht einmal ein hundert Steine schwerer Sumowringer hätte auch nur einen Tropfen Witz aus ihr herauszuwringen vermocht. Doch zum Glück wusste ich ja, dass die Leute wegen meines lächerlichen Blechhütchens lachten.
Dieses Herrschaftswissen verlieh mir auf einmal unheimliche Kraft und Ruhe. Plötzlich konnte ich Karate. Im Kopf. Ich verstand die Stimmen der Tiere und konnte mich an Sachen erinnern, die wahnsinnig lange her waren. Mit einer Kaltblütigkeit sondergleichen reihte ich nunmehr Laut an Laut, Wort an Wort und Satz an Satz. Und all diese Sätze wiederum ergaben aneinandergereiht und wie von Zauberhand arrangiert einen ganz bestimmten Sinn. Das hätte ich selber nicht gedacht.
Kaum mehr hörte man nun im Raum als das wohlklingende, sanfte Sirren meiner Stimmbänder, die gleichmäßig wie Maschinen arbeiteten. Nur ab und an von einem „Haha Hihi Haha“ unterbrochen. Natürlich wegen meines lächerlichen Blechhütchens, mit dem ich allerdings längst Frieden geschlossen hatte.

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