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Erwischt!

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Wie so oft surfe ich gerade auf der Seite einer besonders mildtätigen Tierschutzorganisation, um zu sehen welchen Tieren ich wie noch helfen kann, als es passiert: Fast der ganze Bildschirm wird schwarz, nur in der Mitte erscheint ein umfangreicher Warnhinweis. Ich fange an zu lesen: „Durch das Besuchen von Seiten mit infizierten und pornografischen Inhalten ist das Computersystem an eine kritische Grenze angekommen, nach der das System zusammenbrechen und die ganzen Dateien verloren gehen können ...“ Sofort werde ich wahnsinnig rot, fange an, wie verrückt zu schwitzen und stottere herum. Das heißt, ich stottere beim Denken, denn in diesem Moment bin ich allein. Zum Glück. Das kann doch gar nicht sein: „Seiten mit pornografischen Inhalten“ - nie im Leben, quiek, quiek, ich weiß doch gar nicht was das ist! Und, äh, wie kommen die bloß darauf? Entsetzt lese ich weiter: „... Um das System wiederherstellen zu können, müssen Sie ein zusätzliches Sicherheitsupdate herunterladen. Dieses Update ist ein kostenpflichtiges Upgrade für besonders infizierte Windowssysteme. Es beschützt das System vollständig von Virus und Schadprogrammen stabilisiert Ihr Computersystem und verhindert den Datenverlust.“ Das ganze kostet nur 50 Euro. Der schwarzrotgoldene Rahmen um die Warnung herum zeigt, dass diese offenbar direkt aus dem Bundesministerium des Inneren stammt, was mich ungemein beruhigt und tröstet, denn wenn der Bund dahintersteckt, dann geht das immerhin in Ordnung. Einen kurzen Augenblick lang hatte ich nämlich fast Angst gehabt, dass mir da irgendwelche unbefugten Hacker einen von den Sicherheitsbehörden nicht legitimierten Scareware-Trojaner untergejubelt hätten.

Dann aber dachte ich, nach wie vor stotternd, weiter nach. Ich kann es im Grunde auch gleich zugeben, denn wenn die mir hier schon so eine Warnung schicken, weiß doch bald jeder, dass ich, äh, Pornos geguckt habe: Die Bundesregierung, die Facebook-Friends und, am Schlimmsten, mein armes altes Mütterlein. Ab dem Alter von etwa fünfzehn Jahren frug sie mich etwa alle fünf Jahre: „Kleiner Ulrich: Weißt du denn, was 'Pornografie' bedeutet?“ Und ich antwortete stets: „Nein, liebes Mütterlein, ich weiß es nicht. Aber das klingt schon allein so grauenerregend, dass ich es auch niemals wissen möchte, in meinem ganzen Leben nicht – nein, nein, nein!“
So antwortete ich mit zwanzig und mit fünfundzwanzig, mit dreißig, fünfunddreißig, vierzig und zuletzt auch noch mit fünfundvierzig Jahren. Dabei wusste ich es zu jenem Zeitpunkt sicher schon zwei Jahre.
Zwei Jahre lang also hatte ich überaus dreist gelogen, während meine Seele immer schmutziger und verseuchter wurde, und (wie treffend dieser Vergleich!) all die Bilder in meinem Kopf wie fiese kleine Trojaner meine Frömmigkeit infizierten, dass ich erstmals selbst die kleine Hilde vergaß, die Pfarrerstochter, in die ich seit der dritten Klasse auf eine reine und unerreichbare Weise verliebt gewesen war.
Ach, Hildchen! Die Gute dürfte mittlerweile selber stramm auf die Fünfzig zugehen. Die Frauen auf den, äh, pornografischen Seiten, sind hingegen viel jünger, und tragen außerdem keine Kniebundhosen und Trekkingsandalen. Auf einmal geht mir auf, wie tief mich der Krake Oberflächlichkeit bereits in den Strudel postkapitalistischen Körperoptimierungswahns gezogen haben muss. Für wahre Liebe ist da längst kein Platz mehr. Ich schäme mich fürchterlich für meine Surfverhalten gewordene Menschenverachtung.
Zu meiner winzigen Ehrenrettung muss wenigstens gesagt sein: Zuerst hatte ich natürlich nicht die geringste Ahnung gehabt, als mich Zuhälter Zufall auf eine dieser bösen Seiten führte. Plötzlich erschien da diese Seite, die man erst ab Achtzehn besuchen durfte, und aus purem Stolz, bereits so groß zu sein, klickte ich auf „Enter“. Beim Betrachten der Filme bemächtigte sich meiner sogleich eine Gier und Erregung, wie ich sie bis dahin nur vom Anblick der sich nackt und goldbraun am Spieß drehenden Broiler im „Hühnerhaus“ kannte. Überdies waren die Bilder hier ganz ähnlich und das „Hühnerhaus“ verfügt über keine eigene Website. Ich blieb also hängen, denn wem der Satan einmal in die Kopfschüssel spuckt, dem ist die Hirnsupp meist für alle Zeit vergiftet. Es wurde wie ein Sucht.
Und nun kommt alles raus. Die Mutter wird vor Gram ganz weiß, und dann erst der gute Vater. Oweh! Vater, ich habe gesündigt! Der Pfarrer, Hilde, Gott und auch mein uralter Lieblingsteddybär Reinhold – sie alle werden betrübt die Köpfe schütteln und sich traurig sagen: „Das hätten wir nicht von ihm gedacht ...“
Ich schmieriger Schweinemann habe es doch eigentlich gar nicht anders verdient! Fast macht sich in mir so etwas wie Erleichterung breit. Es ist nur gerecht, dass mein PC nicht mehr funktioniert, bevor ich mich am Ende noch auf Naziseiten suhle. Tatsächlich wäre es meiner Verderbtheit weit angemessener gewesen, meinen Rechner zu sprengen und mich selber lebendig in ungeweihter Erde zu vergraben – hier haben die Mahner unverdiente Milde walten lassen. Schon viel zu lange drückt mich mein Gewissen, und schreit nach einer Beichte, die ich gern in einem Wallfahrtskirchlein ablegen würde, oder in einem Beichtstuhl vor dem Abgesandten des Bundesinnenministeriums. Jetzt, da ohnehin jeder Bescheid weiß, ist der Zeitpunkt für eine reuevolle Umkehr gekommen. Zunächst einmal bezahle ich gerne die fünfzig Euro als eine Art Sühnepfennig.

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