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Gefühle

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Das Hauptproblem im Fall Charité gegen Falko Hennig ist die schwer greifbare Faktenlage. Mal steht direkt Aussage gegen Aussage. Dann wieder muss die Gewissheit über das schändliche Fehlverhalten der mächtigeren Partei in Ermangelung handfester Belege unveröffentlicht bleiben, um nicht vom gewieften Kettenhund der Charité mit der Peitsche auf juristische Relevanz abgeklopft zu werden, also auf eine fragwürdige Qualität hin, die nicht unbedingt mit Moral oder Vernunft zu tun hat. Kurz und gut: Es bleibt für Freunde und Kollegen des Betroffenen, aber auch für manchen Außenstehenden ein schlechtes Gefühl. Und so schreibe ich eben nur über dieses Gefühl. Das ist ja wahrscheinlich nicht verboten.

(Zur Einführung dieser meinem Freund und Kollegen Falko Hennig noch nicht einmal sonderlich wohlgesonnene Artikel.)

Ein schlechtes Gefühl hinterlässt bereits grundsätzlich die Konstellation David gegen Goliath. Wie einfach ist es für einen mächtigen Apparat, dem genügend Mittel zur Verfügung stehen, eine prekäre Existenz in die Ecke zu drücken, bis sie quietscht, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Auch nur ein Gefühl ist es, dass der Auftraggeber ein gerüttelt Maß an Mitverantwortung trägt für Dinge, die definitiv schiefgelaufen sind, man nun aber alles auf das schwächste Glied in der Kette schiebt, und diesem seine Loyalität nicht nur komplett versagt, sondern es obendrein noch der Öffentlichkeit zum Fraß vorwirft. Gefühlsmäßig unlogisch ist es, wenn der Subunternehmer der Charité, Falko Hennig, die von seiner eigenen Subunternehmerin gegen sein Wissen produzierten Plagiate allein zu verantworten haben soll. Das sind zwei verschiedene Maßstäbe für ein und denselben Fall.

Ein komisches Gefühl hinterlässt bei mir im ersten Moment auch der Anwalt dieser Anstalt, dessen Name mir bis dato eher als Advokat der Opfer von Polizeiwillkür geläufig war. Und nun immer auf die Kleinen. Aber erstens ist die Charité kein Mafioso, sondern ein Krankenhaus, das unbestritten Gutes tut, indem es Kranke heilt oder als geheilt entlässt, und zweitens bin ich ein unbedingter Verfechter des wichtigen Rechtsprinzips, dass jedes noch so große Arschloch eine möglichst gute Verteidigung verdient. Außerdem macht er auch nur seinen Job, der traditionell nun mal im Wesentlichen aus Drohgebärden besteht, und in einem gewissen Rahmen bin ich schließlich selber käuflich – den Fuchstraubenfehler, Unkäuflichkeit mit Unverkäuflichkeit zu verwechseln, habe ich nie gemacht. Andernfalls hätte ich nämlich tatsächlich gedacht, er folgte den ausgetretenen Lebenswegen im braunen Morast, die seine Kollegen Otto Schily und Horst Mahler, ehemalige Verteidiger der Linken und verteidigte Linke, vorgespurt haben.

Ein komisches Gefühl habe ich ebenfalls, wenn ich die Berliner Zeitung lese, die Eins zu Eins die Gegendarstellung der Charité abpaust (Plagiat!), und ohne Angabe einer Begründung oder auch nur eines einzigen Arguments darüberpinselt: „Die Charité hat Recht“. Die Minsker Journalistenschule nimmt auch Studenten aus dem Ausland.

Und natürlich ist es nur meinem, durch rein gar nichts sicher zu belegenden, Gefühl geschuldet, dass der Entzug der ihrem Mitarbeiter (meinem Gefühl nach auch im Beistehen gemachter Fehler) geschuldeten Loyalität nicht nur mit Feigheit und mangelnder Einsicht zu tun hat, sondern auch mit dem Zorn über die Veröffentlichung von „Der Eisbär in der Pathologie“: Hennigs Bändchen dieses Namens versammelt in erster Linie skurrile Anekdoten aus dreihundert Jahren Charité, eine teils grausame, teils schon wieder komische Chronik der Medizin, wie sie jeder andere an Irrtümern genauso reiche Wissenschaftsbereich ebenfalls vorzuweisen hätte: Ob man glaubte, dass die Welt eine Scheibe war oder der Mond aus Käse – so what, zum Glück längst vergangene Fußnoten gutgemeinten menschlichen Forschungsdranges. Eine Ausnahme bilden Episoden aus dem Dritten Reich und um den „Todesengel“. Aber auch die hat Herr Hennig nun mal nicht erfunden.

Wüßte ich nicht selber genügend Ausnahmen, hätte ich das Gefühl, dass weder eine selbstironische noch historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Fach mit der Lebensform des Naturwissenschaftlers kompatibel wäre. In der Charité beträgt die Anzahl der Ausnahmen offenbar exakt eine (in Zahlen: 1) - nicht wirklich genug, um den Autoren des „Eisbär“ vor der Wut der Phantasielosen und Selbstgerechten zu schützen.

Alles in Allem: So viele Gefühle hatte ich selten. Auch ganz schön eigentlich, aber hier geht es leider ausnahmsweise einmal nicht um mich.

 

Artikelaktionen

Gefühle...

Kommentar von Ulla am 29.12.2010 12:02
die man nur teilen kann!

gefühle teilen

Kommentar von uli am 30.12.2010 11:02
Wie schön!