Mal was Nützliches tun
Als ich, um die Zeit zwischen Kasachischkurs und Betriebskegelgruppe zu überbrücken, gestern in einer Bäckerei am Rosenthaler Platz in meinem Rhabarberkuchen herumstocherte, kam ich plötzlich auf die Idee, mir nun aber wirklich mal einen Organspendeausweis zu verschaffen. Das ist so eine typische Sache, die man immer grundlos schleifen lässt, obwohl sie komplett unaufwendig ein Leben retten kann, wenngleich in dem Moment jetzt nicht unbedingt gerade meines. Sprich, auch ich kann endlich einmal in meinem Leben etwas Nützliches tun. Zumindest potentiell.
So richtig sinnvoll wird es freilich erst, wenn ich in halbwegs wiederverwendbarem Zustand abnipple, das heißt, so klar muss man das aus meiner persönlichen Frischhalteperspektive sehen, möglichst bald. Davor ein wenig besser achtgeben auf Herz und Nieren, die gute Leber nicht zu vergessen.
Aber ist es wirklich reine Trödelei und Unbedachtheit, wegen der ich das nicht längst gemacht habe? Zwar habe ich bis jetzt zum Glück keine Zeit vertan, da ich ja noch lebe. Doch um mir nachher in der Apotheke den Ausweis zu besorgen, muss ich eine vierspurige Straße überqueren, was da noch alles passieren kann, ein überflüssiges, ein ärgerliches Restrisiko – warum also hab ich das nicht längst erledigt?
Zum einen klingt Organspende nicht unbedingt schön, sondern eher wie „Alter, haste vielleicht mal’n Organ für mich?“ Könnte man das nicht hübscher nennen, zum Beispiel „Herzen schenken“? Zum anderen ein Rest inneren Zauderns, geboren aus einem eigenphilosophischen Widerspruch: Zwar glaube ich nicht an irgendeinen Gott, doch scheinbar unterschwellig an Reste eines ewigen Lebens, obwohl es das gar nicht gibt. Ich glaube nämlich ebenfalls nicht an Naturwissenschaften (wie alle Taxifahrer fühle ich mich den Geisteswissenschaften näher), beziehungsweise öden sie mich schlicht nur zutiefst an. Vielleicht daher tue ich mich unverständlich schwer darin, im Tod einfach nur das Ende allen Seins und aller Schmerzen zu sehen, bei dem schlicht tierisches Eiweiß in seine chemischen Bestandteile CO2, H2O, U2, Blabla7 und 08/15 aufgespalten und den Friedhofswürmchen ein feines Boeuf Ulianow zubereitet wird.
„Ich kann doch nicht ohne Organe durch ein ewiges Leben stiefeln“, scheint es abergläubisch in meinem Hinterhirn zu unken, und eine für den Jugendwahn, der sich doch ohnehin schon fast von selbst erledigt hat, zuständige Stimme raunt: „Wie sieht das denn aus?“
Da muss man einfach mal ein bisschen die Vernunft durchdrücken. Eine Unterschrift genügt.

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