Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Moralanfälle

Moralanfälle

— abgelegt unter:

Kein Wunder, dass mich gerade im Winter gern einer dieser Moralanfälle ereilt, die mich gelegentlich die eigene Nutzlosigkeit verfluchen lassen. Den ganzen Abend lang liege ich auf dem Sofa und glotze die englische Adelsserie „Downton Abbey“. Zwischendurch schicke ich das Personal nach draußen in die Kälte, um mir vom Vietkong ein leckeres Take Away zu holen. Grob feixe ich als wie ein reichlich rauer Bursche über das Gesehene, um zu überspielen, dass ich an einem riesigen Rührungstränenknödel kaue. Danach ratze ich zehn Stunden lang wie ein depressives Murmeltier. Am nächsten Morgen will ich mal wieder nicht aufstehen. Ich muss auch nicht - keiner zwingt mich, braucht mich oder wartet auf mich. Die Kinder sind noch tot, ich muss nicht das Land regieren und die Kühe wollen nicht gemolken werden. Ich habe keine Interessen, keine Pflichten, ich habe überhaupt nichts Nützliches zu tun. Ich bin eine Drohne – ich glaube, so nennt man im Tierreich „Freiberufler“ wie mich. Die paar Zeilen, auf die ohnehin keiner wartet, kann ich auch später zusammenschmieren, am Nachmittag, morgen oder am Besten vielleicht auch gar nicht: Über meine Texte lachen sowieso nur böse Menschen, und böse Menschen zum Lachen zu bringen, ist im Grunde noch schlimmer als Niemanden zum Lachen zu bringen. Böse Menschen sollen weinen – dafür zu sorgen, wäre eine sinnvolle Beschäftigung. Immerhin weine ich jetzt in meinem weichen Bett. Ich bemitleide mich selbst für mein mangelndes Mitleid für andere Menschen, meine eigene Dekadenz macht mich krank. Apropos krank: Wo bleibt eigentlich mein Kaffee? Ich hab zwar nicht die geringste Eile, aber trotzdem dauert mir das hier alles irgendwie zu lang.

In der zweiten Staffel gestern Abend, die während des ersten Weltkriegs spielt, lässt sich Lady Sybil, die jüngste Tochter des hohen Hauses, die noch nicht mal Wasser kochen kann, weil sonst alles immer die Dienstboten machen, zur Lazarettkrankenschwester ausbilden. Sie will endlich mal was Nützliches tun, sagt sie. Wie recht sie hat. An ihr sollte ich mir ein Beispiel nehmen. Das würde mich auf Sicht bestimmt besser draufbringen. Schluss mit dem Gejammer und die Sachen gepackt im Dienst für die Menschheit!

Ich könnte ja ebenfalls Lazarettkrankenschwester werden. Mit so einem weißen Häubchen und den sterbenden Soldaten die Hand halten. Ein Traum. Ein schlimmer Traum, der aber geträumt werden muss. Ich sollte einfach meine Erfahrungen von der Lesebühne übertragen: Da gucken die Zuschauer auch oft wie sterbende Soldaten in einem immer erbarmungsloseren Krieg der subkulturellen Unterhaltungsformate. Gewiss sind, wie gesagt, die meisten böse, aber allein dadurch, dass sie hierher gekommen sind, auf eine schrille Art auch wieder gut. Deshalb möchte ich sie meine ganze Liebe spüren lassen. Natürlich muss ich dabei vermeiden, eine allzu offensichtliche Erektion zu zeigen – das wäre unprofessionell -, aber man kann ja auch mit Worten Liebe schenken. Mit ein bisschen gutem Willen seitens des Empfängers sogar mit bösen und gemeinen Worten.

Leider ist der erste Weltkrieg ja vorbei. Ich muss mir also was anderes suchen, doch zum Glück gibt es auch heutzutage genügend Betätigungsfelder für Samariter und Empathen. Ich fliege einfach nach Darfur oder so, obwohl ich ungern fliege (!) und sorge dafür, dass in den Überschwemmungsgebieten dort die Mädchen sicher zur Schule gehen können und nicht Piratin werden müssen.

Ich glaube allerdings kaum, dass ich gleich von Heut auf Morgen komplett aus meiner alten Hedonistenhaut kann. Im Hostel von Darfur werde ich auf jeden Fall ein Einzelzimmer nehmen, weil ich echt nicht aushalte, wenn da einer schnarcht. Dann so jeden Monat sagen wir eine halbe Stunde früher aufstehen: also irgendwann um halb elf, dann um zehn und am Ende vielleicht sogar um halb zehn. Weil für so humanitäre Hilfsaktionen muss man sicher ziemlich früh aus den Federn sein, da mach ich mir echt nicht die geringsten Illusionen, ich bin ja nicht naiv, die Welt ist mein Haus.

Ich denke, das Frühaufstehen ist sowieso das Härteste überhaupt an der ganzen Sache, denn beim Helfen selber gucke ich sicher besser erst mal nur zu. Ich will ja auch nichts falsch machen, davon hätten die armen Menschen ja auch nichts, im Gegenteil. Die ersten Monate schreie ich bestimmt eh nur „Huch „ und „Oje, oje“ und so – an das Elend muss sich jeder erst gewöhnen.

Vielleicht fange ich auch noch kleiner an. Schließlich kann man mittlerweile auch über das Internet gut und nützlich sein. So wirbt ein Werbebanner bei GMX: „Werden Sie jetzt Pute!“ Und über einem Bild von Ulrich Wickert: „Unterstützen Sie ein Mädchen wie Tahira mit nur 28 Euro im Monat“ Die könnte ich dann zum Beispiel beraten, dass sie, wenn sie schon so eine teure Kampagne entwerfen, wenigstens einen Schrifttyp wählen, bei dem sich die Vokale unterscheiden. Ich denke, das wäre allein schon ein gutes Werk.

Jetzt kommt ohnehin erst mal der Kaffee. „Danke, Schnuckelmaus“, sage ich zum Personal, weil die in „Downton Abbey auch so ähnlich mit den Dienern reden. Das finde ich leider auch das Unglaubwürdigste an der Serie: Es menschelt dort derart, als hätte der Heiland hektoliterweise Heiligen Geist aufs gräfliche Schloss geschifft. Zugleich ist das aber auch das Schönste.

 

Artikelaktionen