Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Ostzeiten

Ostzeiten

— abgelegt unter:

"Schon zu Ostzeiten": Die Formulierung halte ich ja für irreführend, da es sich bei Ost um eine Himmelsrichtung und nicht um eine Zeit handelt. Das wäre also etwa so, wie wenn man sagt "ich gehe meist zu östlicher Stunde zu Bett", oder etwas sei "hundert Meter schwer". Aber vielleicht geht das ja inzwischen alles, der Umgang mit die Sprache wird zunehmend libertärer gehandhabt und damit ihre gesamten Ausdrucksformen und -möglichkeiten. So ist es seit ein paar Tagen ohne Mühe möglich, eine aktualisierte und modernisierte Neuauflage von "Mein Kampf" zu erwerben. Noch vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Erst recht zu Ostzeiten.

Da konnte man auch noch keine Spieler kaufen.

Heute kann jeder Spieler kaufen. Als ich neulich zu später Stunde im Bett im Kickersonderheft für die Bundesligasaison 2010/11 herumblätterte, beim "Managerspiel" ("Classic") hängenblieb, und mit einem Kugelschreiber zwischen den Zähnen angestrengt "Hm, hm" brummte, fragte es auf einmal von neben mir her: "Kaufst du wieder Spieler ein?"

Und zwar in einem ekelhaft ironischen Tonfall, halb belustigt, halb verächtlich, halb mitleidig (also zu 150 % von oben herab). Als wäre man irgendwie ein dummes Kind, das sich mit völligem Schwachsinn beschäftigt, nur weil man eben mal schnell Spieler einkauft. Dabei hat man keine Spieler, wenn man keine kauft. Das werden diejenigen, die jetzt keine kaufen, hinterher auch noch merken. Dann ist das Geheul auf einmal groß: "Rabäh, ich hab keine Spieler ..."  Aber ich geb dann auf jeden Fall keine Spieler von meinen ab.

"Ja, ich kaufe wieder Spieler ein. Und ich verstehe auch nicht, was dieser polemische Tonfall soll!"

"Kauf nur weiter deine Spieler ein. Gute Nacht!"

"Du mich auch."

Endlich Ruhe. Konnte ich weiter Spieler einkaufen. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

Artikelaktionen