Rückfluch
Das letzte Stück vom Rückfluch erfolgte im Dunkeln. Madrid – Berlin. Ich fliege ja nicht gern, wenn man so gar nichts sieht. Nur am Anfang sieht man noch was, vor dem Start: Vor uns rollte ein Fluchzeug nach dem anderen zur Bahn und hob dann etwa im Zweiminutentakt blinkend in den Nachthimmel ab. Ein wenig fühlte ich mich an so arktische Taucherküken erinnert, die von ihren Eltern hintereinanderweg von der Klippe geschubst werden, um das erste Mal flügelschlagend Richtung Meer zu stürzen. Natürlich hinkt der Vergleich ein bisschen, weil die Fluchzeuge hochgeschubst werden und nicht runter, und auch nicht von ihren Eltern, sondern von den Turbinen, und blinken tun die Taucherküken ebenfalls nicht. Die Iberia ist übrigens die mit Abstand verschissenste (ein passenderer Ausdruck fällt mir grad nicht ein; aber den gibt es wohl auch nicht) unter den mir bekannten großen Staatsfluchlinen. Informationen gibt es erstmal gar keine, das Englisch klingt anschließend, als hätte man Kaspar Hauser mit vorgehaltener Pistole zu seinen ersten Sprechversuchen ausgerechnet in einerr fremden Sprache gezwungen, umsonst gibt es nicht mal einen Schluck Wasser und die Sitzreihen sind für Zwerge oder Beinamputierte konzipiert. Im Grunde hätte ich den ganzen Fluch über schreien müssen – zum Glück übernahm den Job dann ein Säugling. Wir hatten fett die Verspätung, weil in Frankreich die Fluchlotsen streikten. Da mussten wir zwar zum Glück nicht hin, aber leider drüber weg, schlimm genug, aber so hatte die Dunkelheit wenigstens auch ihr gutes.
Der Franzose schon wieder. Ich halte ja gar nichts von dieser aufoktroyierten „Völkerfreundschaft“. Für die im Osten aufgewachsenen muss ich das kurz mal erläutern: Aufgrund einer teuflischen Abmachung zwischen Adenauer und De Gohl wurden Generationen von Oberschülern mit Millionen von Busladungen ins jeweilige Nachbarland gekarrt, wo sie dann mit pausenlosen Küssen links und rechts, Weißbrot und Rotwein zum Frühstück gequält wurden, Nun, nicht dass es den kleinen Franzosen besser gegangen wäre, auch die müssen sich umgekehrt hier furchbar gefühlt haben, und nach zwei Wochen holte der Bus gebrochene kleine Erwachsene ab, die vor der Zeit alt geworden waren, und in deren Herzen sich unstillbar der Hass eingegraben hat wie in den Schützengräben vor Verdun, Pigalle und Roquefort.
Das Ganze diente angeblich dazu, weitere Kriege mit dem „Erbfeind“ zu verhindern – da frage ich aber doch kurz mal: um welchen Preis um Gottes Willen? Erbfeind ist nun mal Erbfeind, da geht man sich doch besser einfach aus dem Weg. Man würde doch auch nicht Hund und Katze zwei Wochen in einen Käfig sperrren ud sagen „Nun vertragt euch mal schön“. Und das alles auch noch auf Kosten des Steuerzahlers!
Mut, dass sich das ändern wird, machen mir ja die jungen Franzosen, die am Rosenthaler Platz mit ihrer unnachahmlichen „Berlin ist toll, aber eigentlich ja auch irgendwie eine französische Erfindung und die Berliner sind doof und stören bloß“ - Attitüde sinnlos schreiend aus den Hostels purzeln.
Upps. Ein ganz schön langer Exkurs. In Berlin war dann Nebel. Das mag ich ja auch gar nicht, wenn man ewig durch so eine Suppe schwebt und rüttelt, und den Erdboden erst kurz vor der Landung wieder sieht. In München hat man den Fluchhafen ja praktischerweise mitten in einen Sumpf hineingebaut, so dass man da manchmal erst zwanzig Meter vor dem Aufsetzen plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Kleiner Tipp: Wenn der Nebel bleibt, und man niemals landet, ist man wahrscheinlich tot.

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