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Sonne vermisst

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Nach meinen Informationen soll sie ja gestern oder vorgestern in Mitte sowie im annektierten Nobelvorort Wedding für fünf Minuten gesichtet worden sein: die Sonne. Ähnliche Meldungen erhielt ich aus Hamburg und Westdeutschland (so bezeichne ich ausschließlich den westlichen Teil der "alten Bundesländer"). In Neukölln ist hingegen alles beim alten: Keine Sonne. Der aus dem Jahr 1964 stammende Rekord von 12 sonnenscheinlosen Tagen am Stück ist hier nun bald um eine Woche überboten worden. Die Ergebnisse zeigen sich mir heute bei einem kurzen Spaziergang über den Hermannplatz: Aggressives rücksichtsloses Gelatsche, Autos hupen einnander pausenlos an, Reifen quietschen, graue Gesichter verströmen Missmut und allüberall Geraunze, Gepöbel oder stumme Verzweiflung. Am Imbiss verlangt ein Psychopath leere Plastiktüten und als er sie bekommt, fegt er sie ungeschickt zu Boden und schreit "scheiße Frau, schöne Tüten, scheiße Frau!" Selbst der einzige Lichtblick, als auf der Mittelinsel eine Frau ausrutscht und schwer zu Boden stürzt, relativiert sich schnell.

Also Lichtblick nicht, dass sie gestürzt ist, darüber lacht man dann doch eher an sonnigen Tagen. Sondern, dass sofort mehrere Menschen auf die Gestrauchelte zueilen.

Doch auf den zweiten Blick sehe ich nur ein graues Rudel Wanderratten in dicker Winterkleidung, das sich auf ein wehrloses Opfer stürzt. Man hilft ihr auf, klopft sie nach Wertsachen ab, und erkundigt sich nach ihrem Befinden, gewiss nur um sie abzulenken, um dann umso besser Brieftasche, Handy und Winterschuhe entwenden zu können. Alles geht so rasend schnell, auch ist meine freie Sicht aufs Geschehen durch die Vielzahl der "Helfer" verstellt, doch ich weiß auch so Bescheid.

Man sollte Berlin in Trübsal umbenennen.

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