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Was nützt die Liebe in Gedanken?

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Ich weiß es nicht, vielleicht stehe ich ja mit meiner Haltung relativ isoliert da, doch ich kann das Gejammer der Linken wegen ihrer Überwachung durch den Verfassungsschutz absolut nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, ich beneide sie zutiefst. Dennoch ist mir mein Geständnis sogar fast ein bisschen peinlich, aber wir sind hier zum Glück ja unter uns: Allein schon der Gedanke, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, erregt mich ungemein. In meiner Vorstellung bin ich dabei meist völlig nackt, höchstens trage ich mal einen leichten und rasch zu öffnenden Mantel mit nichts darunter. Stets denke ich mir auch einige Verfassungsschützerinnen aus, mit strengem Gesicht und einem Klemmbrett in der Hand, auf das sie unablässig Notizen kritzeln, während sie jede Fiber meines Körpers und meiner politischen Einstellung mit ihren großen braunen Augen, die konspirativ hinter einem Tarnnetz aus langen Wimpern verborgen sind, abscannen, aber sonst vor allem Männer: Denn erstens funktionieren erotische Wunschträume am besten, wenn man sie mit realen Elementen versieht, und zweitens: Wer selbst noch seine geheimsten Phantasien heteronormativ zensiert, schläft auch mit den Händen auf der Bettdecke, mit dem Gesicht zum Kruzifix an der Wand. In meiner Phantasie hingegen gibt es auf beiden Seiten keine Scham und keine Grenzen. Der Verfassungsschutz und ich – wir lassen beide hemmungslos die Sau raus: „Wissen Sie, dass unsere V-Leute Sie jahrelang beobachtet haben: beim An- und Ausziehen, beim Duschen, beim Sex und sogar beim Abspülen?“

„Oh Mann“, denke ich. „V-Leute! Ganz viele V-Leute, alle wachsam wie Lumpi, mit Ferngläsern, Abhörgeräten, künstlichen Bärten und Brüsten: Wie geil ist das denn? Sie wissen alles von mir, sie fotografieren mich heimlich in den aufregendsten Posen:  Dazu noch mein gesamter Telefon-,  Brief-, Geschlechts-  und Mailverkehr von Jahren – komplette Aktenordner randvoll mit hochverdächtigem Dirty Talk!“

Die Idee befriedigt meine Zeigefreudigkeit sogar noch mehr als Facebook, wo leider erst in zwei Wochen sämtliche Privatbilder, -nachrichten und -chats endgültig für alle offengelegt werden. Ganz davon abgesehen, dass ohnehin auch da der Verfassungsschutz dahintersteckt.
Wie der mir ungeniert bestätigt: „Wir beziehen den Großteil unserer Informationen aus öffentlichen Quellen.“ 

Ich weiß.  Ich kenne viele dieser öffentlichen Quellen, deren Urheber ich meistens selber bin. Zum Beispiel meine Anzeige im Stadtmagazin:  Suche ww, wm, mm, für SM, NS, VS. Gerne werde ich auch gründlich überwacht: Beim Nacktputzen, im Alltag und bei politischer Betätigung.
Natürlich existiert auch der Text dieser Annonce bloß in meiner Phantasie. Schließlich will ich in meinen Träumen vom Verfassungsschutz überwacht werden und mich nicht in Wirklichkeit als Praktikant bei der Berliner CDU bewerben.

Das Verhör war nur ein Vorspiel, die Beobachtung steuert nun endlich ihrem ersten Höhepunkt entgegen, der lang ersehnten Sicherheitsüberprüfung: dazu muss ich mich ganz tief bücken. In meinem Wunschtraum sträube ich mich künstlich, doch das gehört im Grunde alles mit zum scharfen Spiel. In Wahrheit empfinde ich nämlich großes Vergnügen daran, vom Verfassungsschutz noch weiter nach Strich und Faden durchleuchtet zu werden und auch die Bundesbehörde selber hat sichtlich Spaß an der Bekämpfung des Linksexhibitionismus:  Mit zarter und zugleich entschlossener Hand wenden sie nachrichtendienstliche Mittel an und beginnen mit dem Sammeln und Auswerten von Geheiminformationen. Gekonnt sorgen die Organe des Staates so für sanften Kitzel an meinem. Dabei entfährt mir ein leises Stöhnen, das von den aufmerksamen Verfassungsschützern sofort registriert wird.  Ein Glück, dass sie mich nicht für rechtsradikal halten, sonst wäre ihr Interesse an mir im Nullkommanichts erkaltet.

So aber steigern sie dosiert den Druck: „Wir haben Befugnisse!“

Wie raffiniert! Sie wissen wirklich, wie man Subjekte wie mich behandelt, denn genau auf dieses Stichwort habe ich gewartet: Sie haben also Befugnisse. Wahrscheinlich sogar von allerhöchster Stelle. Wie aufregend! Bestimmt bekomme ich die gleich zu spüren. Ich werde fast ohnmächtig vor Lust. Mit heiserer Stimme kann ich gerade noch krächzen: „Zeigen Sie mir Ihre Befugnisse, während sie mich weiter beobachten. Analysieren Sie mich, berichten Sie, ergreifen Sie Maßnahmen - ich bin zu Allem bereit.“

„‘Zu Allem bereit‘, sagen Sie? Dann machen wir Ihnen einen Vorschlag:  Sie könnten für uns als Lockspitzel arbeiten.“

Als Lockspitzel? Ich kann nicht mehr! Die Signalwörter „locken“ und „spitz“ geben mir auf der Stelle den Rest. Oh, du lieber guter Verfassungsschutz, du schenkst mir so viel - das war mal wieder so wunderschön! Erschöpft schlafe ich ein.

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