Wie ich mal jemandem geholfen habe
Ich glaube, es war gestern. Die Sommersonne schien und ich war mit der Regionalbahn unterwegs von da nach dort, einemVerkehrsmittel, das traditionell wie gemalt erscheint, um die abgelegensten Landstriche Deutschlands und zugleich deren exotische Insassen buchstäblich zu erfahren. Kurz, ich fühlte mich glücklich und mit mir selbst im Reinen. Vom Rausch der schönen Landschaft betäubt, muss ich wohl ein wenig eingenickt sein, denn als ich die Lider hob, stand der Zug. Ich blickte nach rechts aus dem Fenster und gewahrte nichts als Natur in Form von die Strecke säumenden dichten Gestrüpps. Anschließend schwiffen meine Augen weiter in den Bereich der Wagentür und erfassten dort einen weißen Schopf, einen krummen Buckel und eine überhaupt gebückte Gestalt. Ein sichtlich uralter Mann fingerte mit gichtiger Hand nach der Wagentür, öffnete sie quietschend und ließ sich langsam die Stufen herab nach draußen. Dieser vertrottelte Greis stieg doch tatsächlich auf freier Strecke aus dem Zug! Der dichte Wald würde den verwirrten Alten verschlucken wie einen ostheoporösen Drops und erst Jahre später bis auf die Knochen abgelutscht wieder ausspucken. Irgendjemand musste ihm doch helfen und zwar auf der Stelle! Keiner der Ländler in dem vollen Zug nahm jedoch auch nur Notiz von dem sich anbahnenden Drama. Geistesgegenwärtig sprang ich auf und schrie: „Nee! Halt! Nicht!“
Auf der Suche nach so etwas wie einer Notbremse sah ich mich blitzschnell um, wobei mein Blick nun endlich auch aus dem linken Fenster fiel. Hier sah ich ein zusätzliches Nebengleis, einen großen Holzschuppen sowie ein Bahnhofsschild.
Da war ich nun also mächtig angearscht. Dutzende Augenpaare in dem gutbesetzten Waggon starrten mich an. Sie hielten mich augenscheinlich für komplett bescheuert, eine Einschätzung, die ich in diesem Moment leider nicht entscheidend entkräften konnte. Ich ließ mich mürbe zurück auf meinen Sitz sinken, wohlwissend, dass ich gerade mächtig auf dem Rückzug war. „Folgende Worte sind es, die ich hiermit zurücknehme“ murmelte ich in die Runde: „'Nee', 'Halt' und 'Nicht'“.
Des weiteren versuchte ich es der Einfachheit halber mit der reinen Wahrheit: nach rechts habe man nicht gesehen, dass hier ein Bahnhof ..., und nur das Gebüsch ..., und ich hätte gedacht der alte Mann ..., und ich hätte viel zu spät nach links auf das Bahnhofsschild ..., und ein Zughalt, der scheinbar nur aus einem Gebüsch bestünde ..., also so ein Ort ..., das hätte ich ja noch nie ... und nicht für möglich gehalten ...
Die Leute murrten. Sie schienen die Wahrheit nicht zu lieben. Immerhin stammten sie sämtlich aus dieser Gegend, wo allerorten steil aufragende Gebüsche die vernachlässigbaren Besiedlungszeichen dominieren und erdrücken. Ebendiese Wahrheit ist es, die sie nicht nur nicht lieben, sondern an die sie schon gar nicht von irgendeinem wildfremden Reisenden erinnert werden möchten, denn neben dem trotzigen Stolz auf ihr idyllisches Randgebiet der Zivilisation spüren sie unterschwellig doch auch die Scham über dessen Wirkung auf den Außenstehenden. Gewiss hatte ich die Bevölkerung zutiefst verletzt und drohte nunmehr in Kürze die harten Kanten ihrer Dreschflegel zu schmecken.
„Freunde, ich bin nicht hochmütig! Ich liebe euer Land und seine atemberaubennde Schlichtheit“ hätte ich gerne ausgerufen, doch ich fühlte, dass jedes weitere Trostwort die Angelegenheit vermutlich nur verschlimmert hätte.
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Das Starren wurde drohender. Eine Brillenträgerin, die womöglich lesen und schreiben konnte und auch schon mal bis München gekommen war, eilte mir schlau zu Hilfe. „Gell, Sie haben gedacht, Sie müssten hier aussteigen?“ interpretierte sie das Geschehene neu und unverfänglich. Es machte mich wieder zu dem, was ich in den Augen der Mitreisenden schon vorher gewesen war: einen harmlosen und ortsunkundigen Trottel.
„Ja, genau“ behauptete ich. „Nicht so schlimm. Dann fahre ich halt später wieder zurück.“ Und machte es mir erneut bequem. Die richtige Taktik. Das Volk beruhigte sich. Einige lachten sogar, andere machten freundlich klingende Geräusche mit dem Mund, die ich nicht verstand. Ein Mann mit einem Hals wie ein Truthahn bot mir große Schweinestücke aus einer Blechkiste an, die ich aß, um ihn nicht zu beschämen. An der nächsten Station stieg ich aus.

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Tip für Urlaub in der Zukunft
besser Brandenburg und Vorpommern in den kommenden Jahren auch noch nicht bereisen. Von einem eigenen Holzschuppen träumen da nämlich die meisten Bahnhöfe noch.