Blök
Was nützt die Liebe in Gedanken?
Ich weiß es nicht, vielleicht stehe ich ja mit meiner Haltung relativ isoliert da, doch ich kann das Gejammer der Linken wegen ihrer Überwachung durch den Verfassungsschutz absolut nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, ich beneide sie zutiefst. Dennoch ist mir mein Geständnis sogar fast ein bisschen peinlich, aber wir sind hier zum Glück ja unter uns: Allein schon der Gedanke, vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, erregt mich ungemein. In meiner Vorstellung bin ich dabei meist völlig nackt, höchstens trage ich mal einen leichten und rasch zu öffnenden Mantel mit nichts darunter. Stets denke ich mir auch einige Verfassungsschützerinnen aus, mit strengem Gesicht und einem Klemmbrett in der Hand, auf das sie unablässig Notizen kritzeln, während sie jede Fiber meines Körpers und meiner politischen Einstellung mit ihren großen braunen Augen, die konspirativ hinter einem Tarnnetz aus langen Wimpern verborgen sind, abscannen, aber sonst vor allem Männer: Denn erstens funktionieren erotische Wunschträume am besten, wenn man sie mit realen Elementen versieht, und zweitens: Wer selbst noch seine geheimsten Phantasien heteronormativ zensiert, schläft auch mit den Händen auf der Bettdecke, mit dem Gesicht zum Kruzifix an der Wand. In meiner Phantasie hingegen gibt es auf beiden Seiten keine Scham und keine Grenzen. Der Verfassungsschutz und ich – wir lassen beide hemmungslos die Sau raus: „Wissen Sie, dass unsere V-Leute Sie jahrelang beobachtet haben: beim An- und Ausziehen, beim Duschen, beim Sex und sogar beim Abspülen?“
Vorwort
Welch bizarrer Reigen der Überflüssigkeiten: Schon wieder ein Buch und schon wieder ein Vorwort. Ich persönlich halte von Vorworten ja rein gar nichts. Was im Buch drin steht, zeigt doch schon das Inhaltsverzeichnis oder die sogenannte KL, die „Kurze Lüge“ (Herausgeberjargon) auf der vierten Umschlagsseite. Ohne jenen gnadenlos bescheuerten Vollpfeifen, die sich nicht entblöden, ihre Bücher mit einem Vorwort zu garnieren wie ein Tellergericht mit einem absolut geschmacklosen Salatblatt, im Geringsten nahetreten zu wollen: Vorworte sind ein vorauseilender Offenbarungseid für alles, was danach kommt. Denn dem wird ja anscheinend nicht vertraut, sonst müsste man es weder vorbereiten noch erklären. Wer Vorworte verfasst, analysiert auch bei Witzen umständlich die Pointe, fragt postkoital „Wie war ich?“ und streicht beim Internet-Banking auf der TAN-Liste die verbrauchten TAN-Nummern ab. Vorworte sind minderwertiges Geschwafel zur Ankündigung von minderwertigem Kram, dessen Wert sie allein durch ihre Existenz sogar noch weiter mindern. Schließlich stellt bereits der Begriff „Vor-Wort“ unmissverständlich klar, dass es sich um gar kein richtiges Wort handelt, sondern nur um die primitive Vorstufe eines Wortes ähnlich dem Vormenschen als unvollkommene Frühform des Menschen. Wo der Homo Sapiens weise das Wort erhebt, grunzt der Vormensch bloß sein Vorwort: „Ugga, ugga! Ich Tarzan, du Leser! Ich klug und lustig – du mir jeden Scheiß glauben! Ugga, ugga!“
Mein erster Kuss
Ich weiß nicht genau, warum ich ausgerechnet heute daran denken muss: wie ich das allererste Mal ein Mädchen küsste. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich gerade über eine Stunde lang laufen war und ziemlich viel Spucke sowie einen ausgesprochen üblen Geschmack im Mund habe. Vielleicht aber auch, weil der Weg dahin so mühselig war und so lange gedauert hat. Denn das kann mich sich ja heutzutage gar nicht mehr vorstellen – es war ja damals eine völlig andere Welt. Oldtimer fuhren hupend und klingelnd durch die Straßen, die von zerbombten Häusern gesäumt waren, beziehungsweise Plattenbauten, die ungeachtet ihres Alters oder Zustands einen Geist grundsätzlicher Zerbombtheit verströmten. Darin mussten wir wohnen. Auch die allgemeine Ordnung war eine andere: Exotische Tiere waren in zoologischen Gärten untergebracht, anstatt in Parks die Jogger anzuspringen, die damals noch „Dauerläufer“ hießen oder „wegrennende Handtaschenräuber“. Dreiste Verbrecher wiederum mussten in Gefängnissen Körbe flechten, anstatt Bankgeschäfte durchzuführen, Kreuzfahrtschiffe zu steuern oder Bundespräsidentenämter zu bekleiden. Es war nicht alles schlecht. Für den ersten Kuss eines erotisch erwachenden Knaben war die Zeit jedoch alles anderes als günstig, denn die Informationsgesellschaft steckte noch in ihren Kinderschuhen. Niemand wusste was. Während man heute das Küssen im Internet erlernen kann oder Kuss-Apps herunterlädt, die das Küssen gleich ganz für einen erledigen, gab es zu jener Zeit nichts außer Gerüchten: So hatte mir der Pfister Joachim (wir wohnten mittlerweile auf dem Land, wo man Vor- und Nachnamen falsch herum nannte) auf dem Schulhof unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten, ein Mädchen küsse man, indem man es zu Boden trat und ihm anschließend fest mit einem Hammer auf den Kopf schlug. Dass ich dem schulbekannten Rabauken glaubte, verschaffte der Haubentaucher Heidi einen heftigen Sprung in der Schüssel und mir ein Gespräch beim Direktor sowie einen Tadel erster Ordnung. So ging es also nicht.
Erwischt!
Wie so oft surfe ich gerade auf der Seite einer besonders mildtätigen Tierschutzorganisation, um zu sehen welchen Tieren ich wie noch helfen kann, als es passiert: Fast der ganze Bildschirm wird schwarz, nur in der Mitte erscheint ein umfangreicher Warnhinweis. Ich fange an zu lesen: „Durch das Besuchen von Seiten mit infizierten und pornografischen Inhalten ist das Computersystem an eine kritische Grenze angekommen, nach der das System zusammenbrechen und die ganzen Dateien verloren gehen können ...“ Sofort werde ich wahnsinnig rot, fange an, wie verrückt zu schwitzen und stottere herum. Das heißt, ich stottere beim Denken, denn in diesem Moment bin ich allein. Zum Glück. Das kann doch gar nicht sein: „Seiten mit pornografischen Inhalten“ - nie im Leben, quiek, quiek, ich weiß doch gar nicht was das ist! Und, äh, wie kommen die bloß darauf? Entsetzt lese ich weiter: „... Um das System wiederherstellen zu können, müssen Sie ein zusätzliches Sicherheitsupdate herunterladen. Dieses Update ist ein kostenpflichtiges Upgrade für besonders infizierte Windowssysteme. Es beschützt das System vollständig von Virus und Schadprogrammen stabilisiert Ihr Computersystem und verhindert den Datenverlust.“ Das ganze kostet nur 50 Euro. Der schwarzrotgoldene Rahmen um die Warnung herum zeigt, dass diese offenbar direkt aus dem Bundesministerium des Inneren stammt, was mich ungemein beruhigt und tröstet, denn wenn der Bund dahintersteckt, dann geht das immerhin in Ordnung. Einen kurzen Augenblick lang hatte ich nämlich fast Angst gehabt, dass mir da irgendwelche unbefugten Hacker einen von den Sicherheitsbehörden nicht legitimierten Scareware-Trojaner untergejubelt hätten.
Moralanfälle
Kein Wunder, dass mich gerade im Winter gern einer dieser Moralanfälle ereilt, die mich gelegentlich die eigene Nutzlosigkeit verfluchen lassen. Den ganzen Abend lang liege ich auf dem Sofa und glotze die englische Adelsserie „Downton Abbey“. Zwischendurch schicke ich das Personal nach draußen in die Kälte, um mir vom Vietkong ein leckeres Take Away zu holen. Grob feixe ich als wie ein reichlich rauer Bursche über das Gesehene, um zu überspielen, dass ich an einem riesigen Rührungstränenknödel kaue. Danach ratze ich zehn Stunden lang wie ein depressives Murmeltier. Am nächsten Morgen will ich mal wieder nicht aufstehen. Ich muss auch nicht - keiner zwingt mich, braucht mich oder wartet auf mich. Die Kinder sind noch tot, ich muss nicht das Land regieren und die Kühe wollen nicht gemolken werden. Ich habe keine Interessen, keine Pflichten, ich habe überhaupt nichts Nützliches zu tun. Ich bin eine Drohne – ich glaube, so nennt man im Tierreich „Freiberufler“ wie mich. Die paar Zeilen, auf die ohnehin keiner wartet, kann ich auch später zusammenschmieren, am Nachmittag, morgen oder am Besten vielleicht auch gar nicht: Über meine Texte lachen sowieso nur böse Menschen, und böse Menschen zum Lachen zu bringen, ist im Grunde noch schlimmer als Niemanden zum Lachen zu bringen. Böse Menschen sollen weinen – dafür zu sorgen, wäre eine sinnvolle Beschäftigung. Immerhin weine ich jetzt in meinem weichen Bett. Ich bemitleide mich selbst für mein mangelndes Mitleid für andere Menschen, meine eigene Dekadenz macht mich krank. Apropos krank: Wo bleibt eigentlich mein Kaffee? Ich hab zwar nicht die geringste Eile, aber trotzdem dauert mir das hier alles irgendwie zu lang.
Schlimme Blasen
Beim Joggen fällt mir eine Titelzeile aus der taz ein: „Selbstkasteiung ist Nazikram“. Gefällt mir eigentlich, sehe ich normalerweise genauso. Dummerweise habe ich an diesem Nazikram aber gerade Spaß. Was mir leider, wenn ich ehrlich bin, auch nicht zum allerersten Mal passiert: Früher fuhr ich nämlich oft und gern auf Autobahnen. Eine andere Kollegin schreibt in ihrer Kolumne, sie halte das Joggen für „eine gruselige Mischung aus mittelalterlicher Wundergläubigkeit und spätkapitalistischem Körperoptimierungswahn.“ Also, wenn ich das recht verstehe, so eine Mischung aus Holy Shit Shopping, Esoterikmesse und Mittelaltermarkt im Kopf. Egal, der Hass meiner „Mit“menschen macht mich erst stark. Außerdem bezieht sich ihre Verachtung vor allem auf Leute, die im Januar überhaupt erst anfangen zu joggen. Auf diejenigen folglich, die am zweiten Januar wegen einer alljährlich wahnhaft auftauchenden Sylvester-Midlife Crisis in solchen Massen auf die Piste strömen, dass man am Eingang zur Hasenheide eine Wartenummer ziehen muss, um anschließend wie ein Lemming inmitten einer Horde nassgeschwitzter Leiber ohne jede eigene Selbstbestimmung durch den Park zu hoppeln (oder besser: gehoppelt zu werden) – stets auf dem irritierend schmalen Grat zwischen Massenpanik und Gruppensex. Diejenigen also, die spätestens am Dreikönigstag wieder verschwunden sind, weil sie jammernd in ihrem Bettchen liegen: Nazikram macht nämlich schlimme Blasen – das weiß man eigentlich spätestens seit Stalingrad.
Gute Neujahrsvorsätze
Kurzer Rückblick: Das neue Jahr ist erst wenige Stunden alt. Vor sämtlichen Lokalen der Stadt stehen Betrunkene und rauchen, was sie in die Hände kriegen: mehrere Kippen gleichzeitig, zum Teil noch nicht aufgerissene Stangen im Stück, Feuerwerkskörper, frisch auf die Straße entsorgte Weihnachtsbäume. Es lodert, knistert und prasselt, grölt, lallt und röhrt - von weitem lässt die taumelnde Feuersbrunst an eine kollektive Selbstverbrennung verzweifelter Trunkenbolde nach der Bierpreiserhöhung denken. In Wahrheit jedoch handelt es sich um Menschen mit guten Vorsätzen: Sie wollen im neuen Jahr mit dem Rauchen aufhören, und das beginnt für die meisten grundsätzlich erst nach der Sylvesterparty. So lange noch können Sie sich für die Durchführung ihres großen Entschlusses wappnen. Mit einem entsprechenden Overkill an Rauchwaren ist nämlich wenigstens der erste Tag ohne noch einigermaßen zu überstehen. Ein paar Tage später hat sich das Bild geändert: Vor denselben Kneipentüren ballen sich nunmehr aus alter Gewohnheit und in bekannter Halbstundenfrequenz Grüppchen frischgebackener Nichtraucher, die mit einer Verve Kaugummis kauen, als hielten sie dabei einen Schraubenzieher in die Steckdose, mit ihrem Eukalyptusatem die frische Luft verpesten und einander hysterisch anschreien. Ab und zu gibt es eine grundlose Schlägerei, nicht selten bricht auch jemand unkontrolliert in Tränen aus. Die Nerven sind nicht zum Zerreißen gespannt, sie sind längst gerissen. Im Inneren des Lokals ist es hingegen fast leer – nur zwei Unverbesserliche sitzen fröhlich rauchend am Tresen. Es ist ohnehin eine Raucherkneipe.

